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Gasteretal

Die Sage der Gfelalp

26.05.2015

Früher, während der langen, kalten Wintermonate in den Bergen, in denen das Leben sich auf das Haus beschränkte, sass man abends oft zusammen und erzählte von den Ereignissen des vergangenen Sommers oder von längst vergangenen Zeiten.
So wurde das Wissen von der einen zur nächsten Generationen weiter gegeben. Neben dem reinen Unterhaltungswert bildeten diese Geschichten auch einen Teil der gemeinsamen Identität. Zudem trug das gegenseitige Erzählen wesentlich zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Die eine Generation schmückte hier etwas aus, die andere liess dort etwas weg. Wie es solchen Geschichten durch die Jahrhunderte eben so ergeht. Eine besondere Stellung nahmen dabei die Sagen ein, die von lange vergangenen Begebenheiten erzählten. Wie ein roter Faden war fast allen dieser Geschichten menschliche Freveltaten in allen Schattierungen eigen. Und diese Taten führten in der Regel, als Strafe des Himmels, zu grossen Naturkatastrophen.

Der Stafel Fafleralp im Lötschental

Lange Zeit war man der Auffassung, dass es sich bei diesen Katastrophen um erfundene Geschichten handelte, um dem moralischen Kodex Achtung zu verschaffen. Dies trifft sicher zu. Doch ebenso sicher sind sie eine Art Chronik der Naturdesaster. Die aktuelle Klimaveränderung, zum Beispiel die verehrenden Jahrhunderthochwasser, die sich im Jahrzehnterhythmus zu folgen scheinen, legen diese Schlussfolgerung nahe. Als Beispiel möchte ich die Sage von der Gfelalp anführen.

Wegweiser im Bergwald

Wenn wir fast zuhinterst im Gasterntal, bei Selden, gegen den Lötschenpass hoch steigen, der ins Lötschental hinüber führt, erreichen wir nach knapp einer Stunde auf einem hübschen Weg, unter schattenspendenden Tannen und Lärchen hindurch die Alp. Von hier öffnet sich ein fantastischer Blick hoch zum Doldenhorn und auf den hinteren Talabschluss mit dem kaum noch sichtbaren Kanderfirn. Letzterer bildet den Zugang zu den Gletscherpassübergängen ins Lauterbrunnen- und Kiental. Derjenige ins Lauterbrunnental ist besonders zu empfehlen.

Das Doldenhorn im Gasteretal
Blick von der Gfelalp auf den Kanderfirn

Die Sage erzählt von einstmals wunderschönen Sommerbergen. Wobei hier mit «Sommerbergen» die Alpweiden gemeint sind. Inmitten blühender Alpenrosen stand eine stattlichen Hütte. Drei Brüder hatten sie gemeinsam geerbt. Doch sie konnten sich über die Aufteilung nicht einig werden. Die beiden Älteren verschworen sich gegen den ein bisschen naiven Jüngsten und betrogen ihn um seinen Erbteil. Voller Wut und Verzweiflung, mit nur noch seinen Kleidern auf dem Körper als Besitz, stieg dieser zum Lötschenpass hoch. Oben angekommen blickte er zurück auf sein geliebtes Heimattal, dass er nun verlassen musste. Vor lauter Elend riss es ihm fast das Herz aus der Brust. Von Weinkrämpfen geschüttelt brach er zusammen und flehte den Herrgott um Erbarmen an.

Gewitterwolken ziehen auf

Wie er dann ins Lötschental hinunter stieg, verfinsterte sich der Himmel hinter ihm. Ein übler Sturm kam auf. Mitten im vollen Sommer brach ein hochwinterliches Schneegestöber über Gfel und dem darüber thronenden Balmhorn herein. Am nächsten Tag schien eine brennende Sonne vom Himmel. Aus der Ostflanke des Balmhorns lösten sich mächtige Lawinen. Unter meterhohem Schnee wurden Mensch, Tier und Hütte begraben. Uli, so hiss der Jüngste, trat in die Kriegsdienste des Bischofs ein, wo jedoch auch er schon bald in einer Schlacht umkam. Seither war die Alp verflucht, heimgesucht von den ruhelosen Wesen der unseligen Brüder, sowie von Lawinen und Felsstürzen. Bis eines Tages ein Mönch auf seiner Rückreise aus dem Gelobten Land über den Lötschenpass stieg und die ruhelosen Seelen mit einem heiligen Spruch in das Loch eines mächtigen Lärchenstamms hinein bannte. Mit einem dicken Holzpfropfen verschloss er es. Die Leute sagen, dass der Lärchenstamm mit dem Pfropfen noch bis in die Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts zu sehen war.

Das Gasteretal

Auf meiner Wanderung im hinteren Gasterntal ist mir diese Sage durch den Kopf gegangen. Vor fünfzehn, vielleicht sogar zwanzig Jahren, die Zeit vergeht ja so schnell, bin ich zum letzten Mal hier hochgestiegen. Schon in Selden, dieser hübschen, romantischen Sommersiedlung sah ich, dass hier die Kander mit mächtig viel Geschiebe ihr Bachbett mit Gewalt erweitert hatte. Wie die Strasse dann, gleich hinter dem Hotel Gasterntal nach rechts über eine neue Brücke abbog, schwante mir nichts Gutes.
Ich hatte vom grossen Unwetterereignis vom 10. Oktober 2011 im Kandertal gehört; eben eines dieser Jahrhunderthochwasser. Doch das Bild von Heimritz, die oberste Siedlung im Tal, machte mich dann doch sprachlos. An meinem Schrecken hat auch das herrliche Frühlingswetter nichts ändern können! Wo beim letzten Besuch noch Alpweiden waren, liegen heute tonnenweise Geröll, Steine und Felsblöcke.

"Untergegangener Berg" bei Heimritz

In einem Bericht der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft steht: «Das dem Hochwasser zugrundeliegende klimatologische Ereignis kann in drei Phasen eingeteilt werden: eine Kaltfront am 6./7. Oktober, eine Stauphase mit starkem Schneefall und schliesslich eine Warmfront am 9./10. Oktober mit ausgiebigen Niederschlägen und einem schnellen Anstieg der Nullgradgrenze. Durch die Kombination der Niederschläge und der rasch ablaufenden Schmelze der Schneedecke wurden in mehreren Wildbächen und Gebirgsflüssen hohe Abflüsse generiert.»

Heimritz mit Balmhorn

Auf Himritz ging zwischen 10 und 11 Uhr des 11. Oktobers 2011 ein gewaltiger Murgang, ein talwärts fliessender Strom von Schlamm und gröberen Gesteinsmaterial, der bis zum 60km/h erreichen kann, vom Hockenhorn herunter. Die Kander verschob es durch die brachialen Kräfte um rund 30 Meter gegen das Berggasthaus. Nur mit Glück wurde das Haus von den infernalisch entfesselten Wasser-, Stein- und Schlammfluten nicht talabwärts gerissen.
Heute wird einem solchen Ereignis mit mondernsten und grossen Baumaschinen und ebenso grossen Geldern der öffentlichen Hand zu Leibe gerückt. Früher, wen wundert es bei dem kolossalen Ausmass einer solchen Verwüstung, flüchtete man sich in den Glauben respektive den Aberglauben - der Grundstoff aus dem die Sagen sind.

Links das Doldenhorn, rechts das Hockenhorn
Wegweiser im hinteren Gasteretal

Zur Mittagszeit rastet ich, zuhinterst im Tal, auf dem letzten ebenen Weidflecken. Ein hübscher idyllischer Aussichtspunkt mit einem imposanten Blick entlang den Orgel-Pfeilern hoch zur Doldenhorn, zum winterlich verschneiten Hockenhorn und auf den abschliessenden Talkessel. Es wäre wohl schön auf Skiern, über diesen und den Kanderfirn, den Pass hinüber ins Lauterbrunnental zu überschreiten. Glasklar und eiskalt, als wäre es reines Quellwasser, fliesst die junge Kander talabwärts. Schwer sich vorzustellen, wie aus einem so friedlichen Bergbach ein alles mit sich reissender Strom entstehen kann.

Die junge Kander mit dem Balmhorn

Wie ich jetzt meine Bilder vom hinteren Gasterntal betrachte, besonders die von Gfelalp aus, kommt mir die Bergzeitschrift «Alpinismus» in den Sinn. Es fällt mir schwer zu sagen warum. Erinnerungen sind manchmal eben seltsame Gefährten. Vielleicht liegt es an der Frühlingstimmung, an den klaren Lichtverhältnissen, der farblichen Tonalität dieser Bilder. Ich weiss es nicht. Doch sei es wie es wolle. Der «Alpinismus» war eine legendäre Bergzeitschrift, die auch international Beachtung fand. Die neuste Ausgabe lag bei uns zu Hause immer auf dem Tisch. Vorher und nachher gab und gibt es wohl im ganzen deutschsprachigen Raum kaum Vergleichbares. Als Spiritus rector zeichnete Toni Hiebeler verantwortlich. Einer der kreativsten Köpfe der europäischen Kletterszene der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Ein begnadeter Journalist, grosser Bergautor, guter Fotograf und ein höchst streitbarer Zeitgenosse.

Ich erinnere mich auch an ein Bild im «Alpinismus» von einer hübschen Nackedei, irgendwo in der Gegend der Lobhornhütte, an einem klaren Bergseelein posierend, mit der Jungfrau im Hintergrund. Da die Redaktion des «Alpinismus» in München war, war diese jung Frau, die meine Bubenträume beflügelte, für mich eine Münchnerin. Sie hätte auch im Dirndl flott ausgesehen. Doch so spelo-neo hat sie mir – die Leserinnen mögen es mir nachsehen – natürlich viel besser gefallen.


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