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Lauterbrunnental

In meinem Kopf funkeln die Bilder des Tages.

18.08.2014

Der Tag hat sich schon lange über die Berge davon gemacht und mich mit der Dunkelheit der Nacht zurück gelassen. Mein linkes Knie schmerzt. Die beiden Hüftgelenke sind komplett verkrampft, fühlt sich wie Muskelkater an. Jeder Schritt wird darob zu einer Anstrengung. Bin froh, mich bei meinem Abstieg für den, entlang der Weisse Lütschine, rechtsufrigen Weg entschieden zu haben, der linksufrige führt über tausend Tritte hinunter ins Tal. Die Finsternis ist angefüllt mit dem mächtigen Rauschen der wilden Wasser tief unter mir.

Die Zeit hat sich heute, ob all den vielen Eindrücken, unbemerkt verflüchtigt. Und so habe ich sie ganz vergessen. Vor fast 14 Stunden stieg ich in den werdenden Tag hinein, voller jugendlicher Leichtigkeit, durchflutet vom kristallklaren, kühlen Morgenlicht. Der Rucksack schmiegte sich schwerelos an meinen Rücken. Jetzt scheint er eine Tonne zu wiegen. Mühsam und langsam, Schuhsohlenbreite um Schuhsohlenbreite, tappe ich talwärts. Solche Touren sollte ich mit meinem Knie nicht mehr machen. Ich weiss es ja – fühle mich wie neunzig. Wie willkommen sind mir da doch die Wanderstöcke als „Gehhilfe“. Als treue Begleiter haben sie mir schon manchen Abstieg erleichtert. Immer wieder suche ich in meinem ganzen Körper nach kleinen Überbleibseln von Lockerheit, um diese dann an Hüft- und Kniegelenke weiter zu leiten. Gross fündig werde ich dabei allerdings nicht. So steige ich halb benommen vor Müdigkeit bergab, vorsichtig den Boden mit dem jeweiligen Fuss ertastend, bevor ich Gewicht drauf gebe. Ob es auf allen Vieren wohl einfacher wäre? Ach ja, natürlich gäbe es noch die Stirnlampe, sofern man sie dabei hätte.
Die schwarzen Tannen bilden eine tiefe Schlucht, da hindurch mein Weg führt.Über mir ganz oben ein Streifen Himmel. Ein paar blinkende Sterne. Sonst nur Dunkelheit. Doch in meinem Kopf funkeln immer wieder die Bilder des Tages. Wie das Glitzern auf sanften, vom Wind gerippten Wellenkronen im Mondschein auf nachtschwarzen Wassern.

Gletschersee auf Oberhoren.
Der Fuss der Nordwand des Mittaghorns.

Die Bilder erinnern mich in ihrer Monumentalität und Wildheit an die Berge des Himalayas und des Karakorums. Einmal mehr denke ich, die Schweizer Alpen stehen den dortigen um nichts nach. Mal abgesehen davon, dass hier wo bei uns die Berge den Himmel berühren, dort die letzten Alpweiden liegen und Bergblumen blühen. Und abgesehen davon, dass es dort noch viel Wildnis, Einsamkeit und Abenteuer gibt. Was „meine Berge“, die Schweizer Vor- und Hochalpen jedoch auszeichnet, sind ihre ausserordentlich reichhaltigen, künstlerisch vielfältig gestalteten Szenerien, komprimiert auf kleinstem Raum. Archaische Gletscherriesen im unmittelbaren Kontakt zu den grünen Tälern, den blauen Seen, den Almen, den Tannen-, Lärchen- und Arvenwäldern. Menschenfeindliche, bedrohende Urwelten neben lieblich anzusehende, von Menschenhand geschaffene Kulturlandschaften.

Obersteinberg, Gspaltenhorn und Tschingelhorn.
Obersteinberg, Breithorngletscher, Schmadrilücke.

Auf einem kleinen,ebenen Fleck, mit kargem Berggras gepolstert, mache ich Mittagsrast. Gleich der Plattform eines Aussichtsturms thront er über der Landschaft. Unter mir das, in grosse Flächen abgestufte, Plateau des Steinbergs, die Böden und Hänge schon vom frühherbstlichen Braun durchwoben. Noch weiter weg, in der Ferne, das Lauterbrunnental von wo ich heute, noch fast in der Nacht, heraufgestiegen bin. Schmal und lang liegt es dort unten eingeklemmt, so scheint es von hier oben, zwischen den Sonnenterassen von Wengen und Mürren. Das Tal der 72 Wasserfälle – um einiges spektakulärer als das weltberühmte Yosemite Tal in Amerika. Zu meiner Rechten das Rottal mit der Jungfrau, aus dem der Rottalgrat Richtung Jungfraugipfel steigt. Für mich der schönste Aufstieg auf einen Viertausender. Die Route führt direkt aus dem engen Tal von Stechelberg hoch in die unendliche Weite der Gipfelrundsicht. Mein Urgrossvater hat ihn im Herbst 1885 erstbestiegen. Dann der Reihe nach, näher zu mir, steil gegen unten abstürzend, die vergletscherten Nordwände von Äbni Flue, Mittaghorn, Grosshorn, Breithorn. Unmittelbar vor mir der Wätterlückengletscher und das Tschingelhorn.

Die Lücke dort oben wurde um 1300 als Passverbindung zwischen dem Lauterbrunnen- und dem Lötschental oft genutzt. Denn um ihre, durch Heirat erworbenen Gebiete nördlich der Alpen zu sichern, siedelte das mächtige Oberwalliser Freiherrengeschlecht derer von Thurn, zahlreiche „Leibeigene“ vom Lötschental ins Hintere Lauterbrunnental um. So bestand über mehr als hundert Jahre ein regelmässiger Austausch zwischen den beiden Tälern. Das zeigt sich auch daran, dass die Turmglocke für die erste Talkirche von Lauterbrunnen im Wallis gegossen wurde. Gestiftet haben sie die Lötscherkolonien im hinteren Tal hierseits der Lücke und die Lötscher walliserseits. Daher kommt auch der Name „Lötscherglocke“. Der Transport über den Pass glich damals einer kleinen Herkulesaufgabe, wiegt die Glocke doch fast 200 Kilo. Und wenn der Glaube auch keine Berge versetzen kann, so ermöglichte er doch den Glockentransport per Pedes von der Fafleralp über schmale Bergpfade, über Geröll, Schnee und Eis, über den Gletscherpass, bis hinunter nach Trachsellauenen. Getragen wurde sie an einem eigens dafür konstruierten Traggestell auf den Schultern der Lötscher. Heute steht sie links vom Eingang der Talkirche.

Impressionen aus dem Gebiete Oberhoren.

Für einmal herrscht im ganzen Hinteren Lauterbrunnental eine herrliche, tief in sich ruhende, Stille. Wie ein leichtes Daunendeckbett liegt sie schwerelos über Gipfel, Nordwände, Gletscher, Spalten, Felsgraten, über Bergwiesen, Schutthalden, Steinblöcken, legt sich federleicht auf Körper und Geist. In dieser Ruhe verflüchtigen sich meine stets herumschwirrenden Gedanken. Ganz so wie die morgen-kalten Schatten aus dem taunassen Gras sich unter der wohligen Wärme der ersten Sonnenstrahlen verflüchtigen. Hin und wieder gluckert in der Nähe das Schmelzwasser. Ab und zu kracht es im Gletscher oben. Mein Bewusstsein hängt träge irgendwo zwischen Dämmerschlaf und Wachsein. Bald meine ich das Läuten der Glocke oben an der Lücke zu hören. Dann realisiere ich, es ist das Glucksen des Wassers. Ächzen da nicht die Glockenträger an mir vorbei? Oder ist es nur der Gletscher der da knirscht? Unversehens mischt sich ein neuer Ton hinzu. Zuerst klingt es wie ein Wassertropfen in einer Höhle, der in eine Pfütze fällt und nachhallt. Dann erwachst daraus sogar eine Melodie. Traumklang oder Wirklichkeit? Hier oben, so weit weg von allen Menschen? Er baut sich wie ein Windhauch auf, verebbt und gewinnt erneut an Kraft. Nun bin ich hellwach. Tatsächlich – es sind Alphornklänge. Diese unverkennbaren warmen, langgezogenen, ein wenig schwermütigen Naturtonmelodien.

Einst als Bettlerhorn verspottet begründete es, zur Zeit der Romantik, zusammen mit dem Abendrot auf den Gletscherbergen, den Ruf der Schweiz als „Paradies auf Erden“. Hierher reisten damals die Menschen aus ganz Europa und von noch weiter her, um ihre Sehnsucht nach einer naturnahen, heilen Welt zu stillen. Daran hat sich wenig geändert. Auch wenn diese Sehnsucht heute von den Wundern der modernen Kommunikation überflutet wird und wir, von der alles beherrschenden Technik und im selbstgemachten Zeitstress, zu ertrinken drohen. Die Sehnsucht in unseren Herzen ist geblieben. Gerade jetzt da unsere Welt von der Geschichte wieder einmal umgepflügt wird.

Links das Tschingelhorn, rechts das Wetterhorn.

Es braucht ein paar Minuten bis ich den Standort des Bläsers entdecke. Denn der Klang wird von Felswand zu Felswand weitergereicht – hin und her hallt er. Klang und Echo verschmelzen im gegenseitigen tonalen Austausch. Schlussendlich schwingt sich die Melodie, wie eine musikalische Fata Morgana, ins Blau des Firmaments hoch. Mit ein wenig Ehrfurcht stehe ich da. Lausche den Tonabfolgen. Vor mir die sich fast senkrecht aufsteilenden Nordwände. Ein Gefühl von tiefer Bewunderung und Achtung, wie ich es von den grossen Kathedralen Europas kenne, überkommt mich. Endlich, ganz unten beim Oberhornsee, lokalisiere ich den Musikanten, der da Zwiesprache mit den Bergen hält. Was der wohl geschwitzt haben wird, sein Alphorn bis hoch zum See zu tragen. Ich bin zwar berg- leider jedoch nicht wirklich singtüchtig. Sonst ich hätte ich ihm gerne mit einem Jodel geantwortet. Doch so lasse ich es aus Rücksicht auf die Ohren der Kreaturen um mich herum bleiben.

"The Pillars of the Earth (Die Nordwand des Breithorns).*

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